Heute fahren wir nach Alexandra, um dort Amys Brieffreund Steven Smith zu treffen. Auf der Strecke dorthin gibt es eigentlich nichts zu sehen, also müssen wir uns nicht beeilen, wir haben genug Zeit. Unterwegs halten wir einmal am Fluss an, die Cluthra, und ich wasche die Windschutzscheibe des Autos. Die ist mit Insektenleichen übersät und die Scheibenwischer verrichten ihren Dienst nicht wirklich gut. In «Millers Flat» (Müllers Wohnung?) halten wir kurz an, um die hellblaue Brücke über die Cluthra zu fotografieren. Das ist auch so eine «One Lane Bridge» Brücke, auf der man sicher keinem Lastwagen begegnen will.
Anders als in Australien stehen in Neuseeland die Briefkästen oft nicht mit der Öffnung zur Strasse hin, sondern von der Strasse weg. Aber dann hat es um die Briefkästen herum immer einen Kiesweg, dass der Pöstler die Post von der Fahrerseite her in den Briefkasten stecken kann. In Australien braucht der Pöstler ein Auto mit dem Steuerrad auf der falschen Seite, er muss hinüberrutschen oder er steigt aus. Hier geht alles mit einem normalen Auto. Clever!

In Roxburgh halten wir dann wieder und sehen uns die kleine Stadt an. Einige Läden entlang der Hauptstrasse, diverse Cafés und Restaurants, eine anglikanische und eine katholische Kirche. Und fast am Ende (Oder sollte es «am Anfang» sein, denn wir kamen ja von der Seite?) nochmals ein Restaurant. Oder ein Antiquitätenladen? «The Frost Pot» ist ein interessantes Gemisch von beidem. Wir bestellen uns einen frühen Lunch. Während wir essen, kommen zwei Frauen herein und beginnen, die Inneneinrichtung zu vermessen. Sie messen die Tiefe von einem alten Sideboard, das im Laden steht und zum Verkauf steht. Sie diskutieren dann ziemlich lange mit der Besitzerin und schauen sich auch noch diverse andere Sachen an. Unter anderem einen Spiegel in einem Fensterrahmen. Im Fensterrahmen ein schräg gestellter Fensterflügel, dass es aussieht, als sei das Fenster offen. Das gibt dem Spiegel einen dreidimensionalen Eindruck. Ein interessanter Laden mit gutem Essen und feinem Glacé das ich mir zum Dessert noch gönne.
Etwas weiter halten wir nochmals an und kaufen an der Strasse Aprikosen und Kirschen, direkt vom Bauern. Weil das Kreditkartengerät nicht funktioniert, müssen wir noch ein zweites Kilo Aprikosen kaufen, denn wir haben nicht genug kleine Noten; der letzte Zehner ging für das Glacé drauf!
In Alexandra angekommen fahren wir direkt zum Haus von Steven. Wir müssen bis ans Ende der Strasse fahren und dort wenden (Sackgasse), bis wir dann zurück sind steht er bereits vor dem Haus und erwartet uns. Wir sitzen eine Weile in seinem Wohnzimmer und unterhalten uns über die Zeit, als er und Amy sich noch geschrieben haben. Das war vor 34 Jahren und Steven war damals noch Milchmann! Heute ist er pensioniert und wohnt mit seiner Partnerin Robin hier in Alexandra. Robin fliegt nicht gerne, daher kommen sie kaum nach Europa. Dann nehmen sie uns mit auf einen Ausflug durch Alexandra, zuerst auf den Aussichtspunkt über der Stadt. Von hier erinnert Alexandra ein wenig an Alice Spings, denn auch hier ist es recht trocken und es gibt Berge in der Umgebung. Beim Aussichtspunkt ist man 217 Meter über Meer, die Stadt liegt etwas tiefer. Von hier aus sieht man den Fluss Cluthra, die Brücke darüber und das alte Bahntrassee durch die Stadt, das heute als Velotrail dient. Unten am Berg führt ein Fussgängerweg über eine schwankende Hängebrücke aus Holz über den Fluss, der von Kindern zum Schwimmen gebraucht wird. Von hier aus sieht man auch die Alexandra Clock, eine grosse Uhr, die an der Seite des Aussichtsberges zu sehen ist. Abends wird sie beleuchtet.
Neben der Autobrücke über die Cluthra, kann man noch die Reste der alten Hängebrücke sehen, die Pfeiler. Wir fahren dort hin und sehen die gemauerten Pfeiler im Fluss; der Pfeiler auf der Westseite ist weniger hoch als der auf der Ostseite. Am 1. Juni 1882 war die Brücke eröffnet worden.

Wir fahren noch etwas weiter die Strasse Richtung Cromwell nach Clyde, zum Damm im Fluss Cluthra. Die Überläufe des Damms sind geschlossen, es ist trocken hier und der Spiegel des Sees nicht so hoch. Hier wird auch Strom produziert, wie im Lake Manapouri. Dann fahren wir nach Clyde und genehmigen uns im Postmaster’s House einen Zvieri. Das ehemalige Postbüro ist jetzt ein Restaurant und das Haus des Posthalters ist jetzt ein Bed & Breakfast. Ausserdem fängt hier auch der Otago Central Rail Trail an, ein Velotrail entlang des Trassees der ehemaligen Bahnstrecke, bis nach Middlemarch. Eine Gruppe chinesischer Touristen aus Hong Kong hat eben ihren Trek für heute beendet, ihre Velos werden vor dem Haus auf den Anhänger ihres Buses verladen. So lässt es sich gut Velo fahren.
Nach dem Zvieri geht es zurück zu Stevens Haus, wo wir uns auf den Weg machen, denn wir werden nicht in Alexandra übernachten. Wir fahren durch das Ida Tal, durch einen Ort namens Oturehua und dann weiter bis nach Middlemarch, da wo der Velo Trail endet.
Der Legende (die ich soeben erfunden habe) nach wurde Oturehua von einem Luzerner Legastheniker so benannt. Er fand hier alles sehr teuer und wollte den Ort «O huare tuer» benennen, aber dabei kamen ihm die Buchstaben durcheinander….
In Middlemarch fahren wir auf den Campinglatz (Wegweiser am gleichen krummen Pfosten wie der Friedhof) und sind überrascht. Der Platz ist völlig ausgestorben, das Office ist geschlossen! Sind wir vielleicht auf dem Friedhof gelandet? Am Office hat es eine Mitteilung, dass man als Campervan sich einfach einen Stellplatz aussuchen soll, man würde sich melden, wenn man zurück sei. Also fahren wir auf den Platz, stecken uns an den Strom und sperren alle Türen auf, es ist heiss heute (ca 30°). Nach einiger Zeit fährt dann ein blauer Pick-up auf den Platz mit einem Anhänger voller Bauholz, die Betreiber des Platzes. Dann regeln wir den administrativen Teil der Übernachtung und bleiben weiterhin die einzigen Gäste auf dem Platz.